Die flache Erde oder Ferhlanschlussverknüpfunganfälligkeit
Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Ich weiß es nicht. Da ich jedoch im Laufe meines Lebens viele Menschen kennengelernt habe, die von Außenstehenden als Verschwörungstheoretiker ( im Folgenden „Y“) bezeichnet werden, musste ich darüber nachdenken. Vor allem, weil wir uns am Anfang so ähnlich angefühlt haben.
Inwieweit ähnlich? Wir scheinen dasselbe generelle Denkmuster zu besitzen, das, so ich, unter anderem zur Entstehung der Verschwörungstheorien und zum Glauben daran führt.
Auffällig ist an ihm zunächst die starke Leistungsfähigkeit, sich sehr tief und intensiv mit unterschiedlichen Themen auseinanderzusetzen. Es besitzt Qualitäten, die, wie ich finde, in Forscher-, Detektiv- und forensischer Arbeit unerlässlich sind. Behauptungen aufstellen und all die Einzelheiten eingehend zu untersuchen. Und das mit enormer Beharrlichkeit und Schnelligkeit.
Hinzu kommen eine ausgeprägte Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft und hohe emotionale Beteiligung an der jeweiligen Beschäftigung. Das Spektrum dessen, wofür man sich begeistert, ist beinahe enzyklopädisch.
Die Anerkennung dieser aus meiner Sicht positiven Gemeinsamkeiten brachte mich zu der Frage, warum so ein Denken an einer bestimmten Stelle nach völlig unterschiedlichen Regeln funktioniert.
Kann ich diesen Schnitt finden, an dem sich unsere Wege trennen, oder irre ich mich, ein gleiches Denkmuster mit Y zu besitzen?
Fehlende Bildung
Jedes Mal, wenn ich auf einen Y und seine innere Welt stoße, habe ich an irgendeinem Punkt das Gefühl, in ihm ein fünfzehnjähriges Ich von mir selbst wiederzuerkennen. Was ist denn der Unterschied zwischen mir damals und mir heute?
Meine erste nahliegende Vermutung wäre die Bildung. Ich bin heute wesentlich besser gebildet. Und tatsächlich, auch im Vergleich zu Y, die ich kannte, verfügte ich ebenfalls über eine deutlich bessere Bildung, also musste sie der Grund unserer Trennung sein. Sie waren also ungebildet, jedoch keineswegs unintelligent oder dumm. Unter „ungebildet“ verstand ich zunächst das Fehlen bestimmter Werkzeuge: Quellen beurteilen, Informationen kontextualisieren, zwischen einer Behauptung und ihrem Beleg unterscheiden, Zusammenhänge methodisch prüfen, eine aufgestellte These verwerfen können, wenn sie sich als unhaltbar erweist. Ich dachte damals also: Die Grundlage ist bei ihnen vorhanden, aber die Werkzeuge und die Fähigkeiten fehlen.
Denn es ist eine Sache, sich emotional und leidenschaftlich mit einem Thema zu beschäftigen, stundenlang darüber nachzudenken und immer neue Gedanken zu entwickeln. Eine andere Sache ist es, diese Gedanken zu ordnen. Ich war in dieses Ordnen geübt, sie nicht, so nahm ich jedenfalls an.
Ich stellte mir ihre Gedanken dabei wie den Entwurf einer wissenschaftlichen Arbeit vor. Sie hatten unzählige Informationen gesammelt, Beobachtungen angestellt, Fragen gestellt. Sie befanden sich gewissermaßen mitten in einer gewaltigen Brainstorming-Phase. Nur schienen sie nie an den Punkt zu gelangen, an dem aus diesem Material eine geordnete Arbeit wurde. Alles blieb nebeneinander liegen. Gedanken kamen hinzu, neue Verbindungen wurden hergestellt, weitere Informationen wurden aufgenommen, aber aus dem Stoff wurde nie ein Kleiderstück. Das ist wie ein einziger großer Knoten, das man noch man entwirren muss. Sie dagegen schienen diesen Knoten gar nicht als entwirrungsbedürftig zu erkennen.
Und so kam ich zu meiner weiteren Erklärung: Vielleicht können sie auf der Grundlage der mangelnden Bildung die Zusammenhänge nicht herstellen. Vielleicht können sie zwar unendlich viele Gedanken sammeln und Verbindungen sehen, aber sie können sie nicht miteinander ordentlich verknüpfen.
Die falschen Anschlüsse
Je länger ich sie beobachtete, desto mehr entdeckte ich allerdings das Gegenteil. Sie können durchaus Zusammenhänge herstellen. Mehr noch: Sie tun es ständig. Sie scheinen geradezu daraus zu bestehen, Verbindungen herzustellen.
Wie konnte ich mit meiner Vermutung also so vollkommen danebenliegen? Warum hatte ich ihre eigentliche Vorgehensweise zunächst als ihre Unfähigkeit wahrgenommen?
Die Antwort liegt, glaube ich, in der Art dieser Verbindungen.
Ihr großer Knoten besteht aus unzähligen falschen Anschlüssen, unnötigen Kabelverlängerungen und Verbindungen, die an Stellen hergestellt werden, an denen überhaupt kein Anschluss vorgesehen ist. Je mehr solche instabilen und falschen Verbindungen entstehen, desto größer wird das Netz. Irgendwann ist es ein gigantisches, überladenes Gebilde, in dem alles mit allem verbunden zu sein scheint. Es knistert und knirscht an allen Enden und irgendwann droht dieses ganze Konstrukt unter seinem eigenen Gewicht zusammenzubrechen.
Ich vermute allerdings, dass sie theoretisch fähig wären, zu lernen, ihre Anschlüsse richtig zu setzen. Denn wenn man die unzähligen Gedanken, die sie sammeln, an den richtigen Stellen miteinander verbindet, könnte daraus durchaus ein erstaunlich dichtes und schlüssiges Gedankengebäude entstehen. Das Problem ist nicht das fehlende Wissen, sondern das Gegenteil: wie die Übermenge an Material gefiltert und miteinander richtig verbunden wird.
Nehmen wir an, man stellt eine These auf und findet dazu fünfzehn verschiedene Aussagen, Beobachtungen oder vermeintliche Fakten. Von diesen fünfzehn passen vielleicht zwei tatsächlich zu der Hypothese. 13 müssen logischerweise verworfen werden und die Behauptung neu gedacht oder ebenfalls verworfen.
Bei Y scheint etwas anderes zu geschehen. Sie schließen nicht nur die zwei passenden Kabel an. Sie versuchen, auch die übrigen dreizehn irgendwie mit dem System zu verbinden. Wenn der Anschluss nicht passt, wird das Kabel verlängert.
So entsteht schließlich ein System, in dem fast alles miteinander verbunden ist, und doch keinen Zusammenhang also keinen Sinn ergibt.
Und genau das hatte ich zunächst für die Unfähigkeit gehalten, Zusammenhänge herzustellen.
Daraus ergibt sich für mich die nächste Frage: Warum sind sie nicht bereit, die fünfzehn unpassenden Tatsachen zu verwerfen und versuchen stattdessen, sie mit Gewalt an die eigene Theorie anzuschließen?
Die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit
Ich glaube, an diesem Punkt kommt ihr ausgeprägtes Wunschdenken ins Spiel. Es wird zum Maßstab, an den sie die Wirklichkeit anpassen. Noch schlimmer: Was nicht passt, wird nicht verworfen, sondern so lange uminterpretiert, umgedeutet oder mit weiteren Zusammenhängen verbunden, bis es wieder irgendwie passt. Hier beginnt die Grenze zwischen Fantasie und Realität zu verschwimmen. Und wenn die versprochene Apokalypse am 13. Juli wieder nicht eintritt, wird das Konstrukt dadurch keineswegs zerstört. Es wird lediglich weiter ausgebaut und an die neue Tatsache, nämlich an die Nichterfüllung der eigenen Prognose, angepasst. Die Theorie wird nicht aufgegeben, sondern um eine weitere Erklärung ergänzt, die ihr Fortbestehen ermöglicht. Und genau das ist für mich das Beunruhigendste daran: Das offensichtliche Scheitern einer Theorie führt nicht zu ihrem Ende.
Ihre Vorstellungen werden außerdem weder nach innen noch nach außen als solche bezeichnet. Y sagen nicht: „Ich wünsche mir, dass es so wäre.“ oder „Das ist meine Theorie.“ Sondern sie behaupten es: „Es ist so.“ Hier beginnt übrigens der Keim der Verbreitung von Verschwörungstheorien: Sobald Y die eigene Fantasie nach außen trägt und beginnt, sie anderen als Wirklichkeit zu vermitteln.
Wenn jemand seine eigene Interpretation mit einer solchen Sicherheit vorträgt, entsteht bei anderen Menschen leicht der Eindruck, dass er über Informationen verfügt, die man selbst nicht kennt. Gerade wenn diese Person sich besonders intensiv mit einem bestimmten Thema beschäftigt hat, denkt derjenige, der selbst nicht so tief darin steckt: Vielleicht stimmt es tatsächlich. Vielleicht hat dieser Mensch etwas entdeckt, was ich übersehen habe.
Dabei bekommt das Publikum häufig nur einen einzigen, bereits zurechtgelegten Ausschnitt zu sehen. Ihre Begeisterung für die eigene Theorie und die Stärke ihrer eigenen Überzeugung sind dabei so groß, dass sie auch andere Menschen beeinflussen können. Das wackelige, auf unzähligen falschen Anschlüssen beruhende Konstrukt, das hinter diesem Glauben steht, ist durch ihre Sicherheit verschleiert.
So kann aus einer persönlichen Fantasie plötzlich eine scheinbare Tatsache werden.
Woher kommt dieser Drang, die eigene Fantasie zur Realität zu erklären und sie anschließend auch anderen als Realität zu vermitteln?
Kontrolle und das eigene Buch
Ich vermute, dass ein großer Hebel in diesem ganzen Bereich der Kontrollverlust ist. Genauer gesagt: der Wunsch nach Kontrolle über die Realität.
Wenn man sich die Realität als ein Buch vorstellt, das von einem Autor geschrieben wird, dann enthält es unzählige Dinge, die wir einfach akzeptieren müssen. Der Himmel ist blau. Die Erde ist rund. Blumen wachsen im Frühling. Tiere sind, wie sie sind. Ein Film endet so, wie sein Autor ihn beendet hat. Eine andere Person möchte keinen Kontakt mehr mit uns. Eine Beziehung endet. Etwas geschieht, obwohl wir es nicht wollen. Wir verfügen nicht über die Macht, dieses Buch umzuschreiben, wir können schlicht nach Möglichkeiten nur an unserem kleinen Kapitel in diesem großen Sammelwerk arbeiten.
Y machen es aber buchstäblich: Sie schreiben das Realitätsbuch nach eigener Vorstellungskraft um. Dort, wo die Wirklichkeit mit dem eigenen Wunsch kollidiert, kann die eigene Version der Wirklichkeit so lange weitergeschrieben werden, bis Y die Kontrolle wieder besitzt. Das umgeschriebene Buch ist als die Wirklichkeit selbst präsentiert.
Ob der Kontrolldrang dabei die Ursache dieses ganzen Vorgangs ist oder erst durch ihn verstärkt wird, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht ist er Ursache und Verstärker zugleich.
Natürlich gibt es auch außer Y Menschen, die sich lieber in fantastischen Welten aufhalten. Ich selbst gehöre vermutlich eher zu ihnen. Der Unterschied liegt darin, ob der Mensch anschließend wieder zwischen beiden Welten unterscheiden kann.
Daher glaube ich, dass dieser Punkt, wo sich unser Denken trennt, genau dort liegt, wo die Grenze zwischen Fantasie und Realität gezogen und anerkannt werden muss. Dann aber, wie habe ich es geschafft, diese Grenze zu ziehen und aufrechtzuerhalten, während sie bei Y offenbar nicht in derselben Weise vorhanden ist?
Wie habe ich diese Grenze gelernt?
Zurück zu meinem 15järiges Ich im Dorf im Fernen Osten. Ich habe mir damals immer wieder die Frage gestellt, ob das, was ich um mich herum wahrnehme, überhaupt die wirkliche Welt ist. Vielleicht, so dachte ich, ist alles nur eine Simulation. Vielleicht führt jemand mit uns ein Experiment durch. Vielleicht ist das, was man uns im Fernsehen zeigt und in der Schule erzählt, nur eine Kulisse. Vielleicht existieren die Länder, von denen man uns erzählt, überhaupt nicht. Vielleicht gibt es außerhalb unserer kleinen Welt etwas völlig anderes.
Diese Gedanken kamen nicht aus einem Mangel an Intelligenz, auch nicht unbedingt aus einem Mangel an Bildung im engeren Sinne. Sie kamen vor allem aus meiner Begrenztheit.
Ich hatte die Welt nicht gesehen. Ich hatte kaum eigene Erfahrungen mit ihr gemacht. Mein eigener Lebensraum war klein, und vieles von dem, was außerhalb dieses Lebensraumes existierte, kannte ich nur als eine Beschreibung. Ist also die mangelnde eigene Erfahrung der Grund dazu? Zu viel Theorie, zu wenig Praxis? Das klingt für mich zunächst plausibel, jedoch bestätigt sich nicht an meinem damaligen Verhalten. Denn ich bin nicht in den Glauben an die Simulation und Verschwörung um mich herum versunken, bemitleidend die dummen Schaffe, die solche großen Erkenntnisse wie ich nicht fähig sind, zu erlangen. Ich war schon damals im Zustand, meine eigenen Vorstellungen an der Wirklichkeit zu prüfen und sie zu revidieren, wenn ihnen eindeutige Gegenbelege gegenüberstanden. Ich wusste beispielsweise, dass meine Mutter selbst in der Hauptstadt gewesen war. Ich wusste, dass mein Vater aus dem Westen stammte. Es gab Zeugnisse, Erfahrungen und andere Menschen, die das Gegenteil von meinem Gefühl bestätigten, also ließ ich mein Wunschdenken an der Wirklichkeit scheitern.
Mit fünfzehn wies ich noch andere Muster auf: Dinge für möglich zu halten, von denen ich eigentlich keine Ahnung hatte. Ich konnte mir aus einer unvollständigen Information eine eigene Vorstellung bilden und diese sogar für plausibel halten. Sobald mir jedoch jemand mit nachvollziehbaren Gegenargumenten zeigte, dass ich eine Behauptung falsch verstanden oder aus dem Zusammenhang gerissen hatte, veränderte sich nicht nur meine Begeisterung für die Idee. Ich konnte auch unterscheiden zwischen dem, was ich interessant fand, und dem, was ich tatsächlich für wahr halten durfte. Die Vorstellung konnte in meinem Kopf weiterexistieren, aber sie verlor ihren Anspruch auf Wirklichkeit. Ich hätte mich vielleicht geärgert, vielleicht wäre mir meine eigene Vorstellung sogar peinlich gewesen, aber ich hätte irgendwann verstanden: Das war falsch, aber spannend.
Diese Fähigkeit wurde bei mir im Laufe der Jahre immer stärker. Je größer meine Welt wurde, je stärker meine Bildung wurde, desto stärker wurde auch die Grenze zwischen meiner Fantasie und der Wirklichkeit.
Nach all meinen Überlegungen gehe ich davon aus, dass ein Y aus der Unmöglichkeit entsteht, diese Grenze zu ziehen. Wenn ich weiterhin davon ausgehen würde, dass Y und ich tatsächlich über ein gleiches Denkmuster verfügen, müsste ich vermuten, dass ein gewisser Hebel oder ein bestimmtes Etwas, das diese Grenze überhaupt erst hervorbringt, ausgeschaltet ist. Ob sie ihn selbst bewusst ausgeschaltet haben oder ob sie schlicht nicht in der Lage sind, ihn überhaupt anzuschalten, bleibt für mich im Dunkeln.
Deswegen neige ich inzwischen auch zu der Annahme, dass unser Denken zwar gewisse Überschneidungen aufweist, aber keineswegs gleich ist. Und gerade das ist interessant, weil ich diese Menschen anfangs stets als eine Art Seelenverwandte wahrgenommen habe. Ich hatte den Eindruck: Das ist jemand, der tatsächlich so denkt und die Welt auf eine ähnliche Weise betrachtet wie ich.
Nach dieser Beobachtung habe ich jedoch auch ihre Logik verstanden. Die Aussagen, die sie nun machen, erscheinen mir innerhalb dieses Denkmusters durchaus plausibel und nachvollziehbar.
Zum Beispiel: Wenn man einen Flacherdentheoretiker ins Weltall schickt und er zum ersten Mal die Erde als Kugel sieht, wird er alles daransetzen, mögliche Anschlüsse zu konstruieren, durch die sich dieses offensichtliche Gegenargument relativieren lässt. „Es ist ein Greenscreen. Alle sind gegen ihn verschworen. Alles wurde inszeniert: der Flug, die Vorbereitung und selbst das Gefühl, sich in einer Rakete zu befinden.“ Alles wurde erzeugt, nur um ihm diese Wirklichkeit vorzuspielen, weil sich das Leben der Menschen im Grunde nur darum dreht, andere in die Irre zu führen, um daran reicher zu werden. Und mit diesem „und, und, und“ entsteht am Ende wieder jenes instabile, knirschende Gebilde, in dem jede noch so widersprüchliche Einzelheit ihren Platz findet. Und falls es schließlich doch irgendetwas gibt, das sich nicht mehr miteinander verbinden lässt, kommt das Wort „Glaube“ ins Spiel: „Ich weiß nicht, aber ich glaube daran.“
Und das ist ja vollkommen logisch. Denn die Erde ist ja halt flach, glaube, was du wolle.