Heute fühlte ich mich wie Ron Weasley, der Harry einen Brief per Muggelpost schickte und nicht wusste, wie viele Briefmarken er aufkleben sollte. Also beklebte er einfach den ganzen Umschlag, nur um auf Nummer sicher zu gehen.
Genauso geht es mir jedes Mal, wenn ich Papier per Post verschicken muss: Ich habe keine Ahnung, wie viele Marken für wie viele Blätter nötig sind. Also denke ich mir wie Ron: lieber ein paar mehr als zu wenig.
Deutschland hat bekanntlich eine besondere Vorliebe für alles Papierartige. Während sich die Menschheit immer weiter in Richtung virtueller Realität bewegt – na ja, zumindest theoretisch – hält man hier hartnäckig an der Baumschändung fest. Aber was heißt schon Deutschland? Der deutsche Staat, repräsentiert durch seine Vasallen in allerlei Behörden, sieht seinen Bürger als Stapel aus mehreren Ordnern und sorgt ständig dafür, dass diese immer dicker werden. Unterschiedlichste, in 97 Fällen unnötige Unterlagen werden regelmäßig verschickt, und im Nacken eines jeden schwebt der Satz, der noch von Beamten im Forum Germanum so formuliert und für alle Ewigkeit festgelegt wurde: „Alles aufbewahren“, der magischerweise tatsächlich seinen Zweck immer noch erfüllt.
Tatsächlich ist der deutsche Hang zum Papierkram inzwischen zu einem beliebten Gegenstand des Spottes geworden. Besonders gern wird dabei auf das Finanzamt verwiesen, das die digitale Welt offenbar vollständig ghostet. Da ich nun selbst einen Stein geworfen habe, möchte ich beim Werfen eines zweiten allerdings anmerken, dass diese scheinbar übertriebene Art den Ausdruck bestimmter deutscher Tugenden darstellt. Ein erheblicher Teil der deutschen Staatsstruktur beruht auf Ordnung, Verlässlichkeit, Nachvollziehbarkeit, Dokumentation. Entfernt man eine dieser Säulen, gerät das übrige Gefüge ins Wanken und zerfällt womöglich irgendwann ganz, so ich.
Als mein selbstständiges Leben begann, musste auch ich mich durch diesen Papierkram kämpfen. Ich kümmerte mich gewissenhaft um all diese Unterlagen. Über Jahre hinweg habe ich eine riesige Sammlung angelegt, mit mehreren Regalen voller Papier. Allerdings musste ich feststellen, dass die Art meines Denkens dieser Ordnung irgendwie entgegensteht. Egal, wie gut ich sortiere, sobald ich etwas davon tatsächlich brauche, werde ich es nicht finden.
Von den hundert Unterlagen brauche ich vielleicht irgendwann drei, und genau diese drei sind dann natürlich nicht auffindbar. Also musste ich sie erneut beantragen. Damit hatte sich die Sache für mich irgendwann erledigt. Ich habe verstanden, dass es für mich keinen Sinn ergibt, all diese Dinge aufzubewahren, und habe sie daraufhin rigoros ausgemistet.
Heute versuche ich von meiner Seite aus, sämtliche amtlichen Angelegenheiten, soweit es möglich ist, digital zu erledigen. Für die neuen Papiere, die nicht unbedingt vom Finanzamt stammen, besorgte ich einen Schredder. Ab und zu werde ich allerdings wieder in die Ecke gedrängt, so wie diesmal von meiner Krankenkasse. Dort musste ich die Unterlagen plötzlich unbedingt auf dem Postweg einreichen. Und an der Briefmarke scheiterte das ganze Unternehmen dann beinahe schon. Dafür müsste ich jedenfalls zunächst zur Postfiliale. Natürlich besitze ich so etwas nicht zu Hause. Ich kenne ihre Preise nicht, bin mir aber ziemlich sicher, dass man Briefmarken mit Münzen bezahlen kann.
Seit längerer Zeit benutze ich überhaupt kein Bargeld mehr. Für diesen feierlichen Anlass hatte ich jedoch zu Hause sämtliche Münzen zusammengekratzt, um sie anschließend am Briefmarkenautomaten zu versenken. Als ich bei der Post ankam, musste ich allerdings feststellen, dass die Automaten, die einst direkt vor der Filiale gestanden hatten, verschwunden waren. Wegen Corona, wegen des Krieges oder aus irgendeinem anderen, vermutlich höchst triftigen Grund.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als die Filiale zu betreten. Als ich schließlich an der Reihe war, holte ich meine zusammengekratzten Münzen hervor und erklärte, ich hätte gerne so viele einzelne Briefmarken, wie ich dafür bezahlen könne.
Die Mitarbeiterin teilte mir mit, dass man Briefmarken nicht auf diese Weise verkaufe, sondern in ganzen Bögen, deren Preis meine Münzsammlung überstieg. Als ich darauf meine Visa-Karte hervorholte, hieß es: „Nur EC-Karten.“ Wie konnte ich nur vergessen, dass der Staat gegen VISA allergisch ist? Glücklicherweise besitze ich noch eine alte EC-Karte. Ich trage sie nach wie vor bei mir, nutze sie seit Jahren nicht mehr und kenne dementsprechend das Passwort nicht. Zum Glück wurde es nicht verlangt. Die Mitarbeiterin musste danach noch eine erstaunliche Menge an Daten manuell in ihren Computer eingeben. Was genau sie dort alles eintippte, bleibt für mich bis heute ein Rätsel. Aber schließlich war es geschafft. Der erste Schritt war getan. Jetzt fehlte mir nur noch der Briefumschlag.