Notizbücherstapel
Es gibt Menschen, die mehr Sachen besitzen, als sie benötigen. Nun ja, tun das heute denn nicht alle? Ich meine also die Menschengruppe mit einem deutlich übersteigerten Drang, sich Dinge anzuschaffen, sie zu horten und eine persönliche Sammlung aus all den begehrenswerterscheinenden Gegenständen anzulegen. Ich denke, dass dem Verhalten eine angeborene Neigung zugrunde liegt, und ich habe sie, wie man es wohl ahnen konnte, ebenfalls. Um es konkreter zu machen, verwende ich dafür einen gerade eben erfundenen Fachterminus „Arudia“, ohne damit einen wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch zu erheben.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sie sich, sagen wir mal so, entzünden kann, wenn man über längere Zeit den Drang, sich Dinge anzuschaffen, unterdrücken muss. Es kann aber ebenso sein, dass Arudia überhaupt erst aus einer solchen Unterdrückung hervorgeht.
Ein konkretes Beispiel aus meinem Leben ist mein Trieb, Notizhefte zu kaufen. Früher habe ich alles mit der Hand geschrieben, weshalb allerlei Schreibwaren für mich tatsächlich notwendig waren. Dennoch, da meine Schreiberei lediglich meinen Hobbys diente, wurde mir nichts dafür gekauft: nur das Nötigste für die Schule. Dementsprechend wurden die wenigen Notizbücher, die ich besaß, zu einem hochrangigen Wertgegenstand. Mein Hirn speicherte augenscheinlich diese Daten und löste dann – seiner Meinung nach – die passende Reaktion aus, als seine Besitzerin die freie Hand bekommen hatte.
Die verschiedenartigen Notizhefte stapelten sich nun bei mir, ohne dass ich sie nutzte, denn das handschriftliche Schreiben verschwand allmählich aus meinem Leben seiner Ineffizienz wegen. Von ihnen habe ich höchstens einige tatsächlich verwendet, keines davon je zu Ende geschrieben. Die Schreibwaren wurden für mich zu bloßen Sammelobjekten, ohne einen Zweck zu erfüllen. Wenn ich irgendwo ein Notizbuch sah, kaufte ich es mir, unabhängig davon, ob mir sein Äußeres gefiel oder nicht. Der eigentliche Bedarf bestand letztlich allein im Besitz dieser Hefte.
Einen weiteren, noch größeren Reiz für mein Hirn stellten die Bücher dar. Ich habe immer von einer großen Bibliothek geträumt, wie ich sie in Filmen gesehen habe, mit hohen Regalen und Treppen. Dieser Wunsch war so stark, dass er scheinbar in fetten Buchstaben auf der Hirnrinde eingraviert wurde und die Bücher vom Nervenzellenbund demensprechend behandelt wurden. Beinahe heiliggesprochen. Das von ihm vorprogrammierte Vorgehen funktionierte jahrelang automatisch, und so begann schon sehr früh mein Büchersammelprozess, ohne dass ich je darüber nachdachte. Immerhin gebührt dem Hirn ein gewisser Applaus für seine stille Zielgerichtetheit. Erst während meiner wissenschaftlichen Arbeiten an der Universität habe ich angefangen, darüber bewusst nachzudenken und den Bücherkauf überhaupt infrage zu stellen.
Damals überkam mich der Drang, sämtliche Antiquariate leerzukaufen. Ich bestellte dort unzählige Bücher und empfand große Erquickung, wenn ich ein altes Buch in der Hand hielt, darin euphorisch die Randnotizen eines Professors von damals entdeckte, ein gar kluges Zitat herausschrieb und es anschließend nie wieder benutzte. Dass ich die meisten Bücher, die ich besaß, nie oder nie vollständig gelesen hatte, war für mich bis dahin ein nichthinterfragter Normalzustand. Erst während dieser Arbeit wurde mir bewusst, dass der eigentliche Zweck meines Umgangs mit den Büchern in der Sammlung lag.
Und ich habe angefangen, mir Fragen zu stellen: Will ich das wirklich? Haben die Papierbücher überhaupt noch einen Sinn für mich? Was passiert mit all diesen Büchern nach mir? Werden sie auch irgendwann in einem Antiquariat landen oder eher im Papiermüll? Das Letztere trifft eher zu, denn das Medium Buch hat seinen ursprünglichen Nutzen zu einem großen Teil verloren. Und eine persönliche Bibliothek wäre ohnehin eine „One-Man-Show“. Wer soll das alles eines Tages erben – und vor allem: warum? Wer möchte einen Berg Papiermüll übernehmen, der einst jemandes Traum war? Wissenschaftliche Bücher haben dabei noch eine gewisse Sonderstellung, weil sie als Form wissenschaftlicher Arbeit und als Quelle dienen. Aber auch hier: Eine Dissertation oder ein umfangreicher Forschungsbeitrag wird in der Regel nur von Gutachtern und Kritikern vollständig gelesen. Oder habe ich während meiner Forschungszeit etwas falsch gemacht?
Auf jeden Fall, nachdem ich mir schließlich bewusst eingestanden hatte, dass die Bücher für mich inhaltlich weitgehend nutzlos waren und ich sie im Grunde um des Sammelns willen besaß, stellte sich eine zweite Frage: Wenn ich sie schon nicht lese, möchte ich sie dann also wirklich als Dekoration behalten?
Auch das musste ich verneinen. Die unterschiedlichen Buchrücken erzeugen unruhige Muster und bringen dadurch Chaos in den Raum. Und ich erschaffe auch ohne uneinheitliche Paletten genug Chaos um mich herum und das mühelos. Eine persönliche Bibliothek, wie ich sie mir als Kind vorgestellt hatte, passt deshalb eigentlich überhaupt nicht zu meinem Wesen. Diese Vorstellung hatte ich damals einfach übernommen, weil ich das Ganze gedankenlos romantisiert habe. Tatsächlich brauche ich es überhaupt nicht. Eine einheitlich schwarz gestrichene Wand oder ein durchgehender, geschlossener schwarzer Schrank wäre das, was mir tatsächlich Harmonie bringen würde.
Also stellte sich die nahliegende Frage: Was soll ich nun mit all meinen Büchern machen: mich ihrer vollständig entledigen? Ja, das wäre der richtige Weg. Na gut, nicht alle, aber die meisten sollten weg. Allerdings lauert bei dieser Aufgabe eine versteckte Falltür: Arudia handelt so, als würde sie ein Dungeonrennen unternehmen und nimmt in sein Team stets einen hervorragenden Heiler, der hinter ihr steht und seine Heilstahlen erfolgreich auf sie abschießt. Im Hirn der Betroffenen schlägt sich dies in der Schwierigkeit und zum Teil in der Unmöglichkeit nieder, die durch Arudia angesammelten Dinge zu entsorgen.
Als ich noch ein Kind und später Jugendliche war, hat mir meine Cousine eine meiner eigenen vollkommen entgegensetzte Lebensweise vorgelebt. Sie war äußerst minimalistisch und legte Wert auf eine hohe Qualität der Dinge, in erstaunlich reduzierter Menge. Arudia und ihr Heiler hatten keine Macht über sie. Ob sie sich diesen Dungeon von vornherein erspart haben oder beim ersten Boss meiner Cousine erschlagen wurden, ist unklar und unwichtig.
Stets, wenn meine Cousine meinen Kram sah, sagte sie zu einzelnen Gegenständen: „Wirf das weg. Wirf das weg. Wenn du es ein Jahr lang nicht benutzt hast, wirf es weg. Du wirst es nicht brauchen. Das ist nur ein Lappen. Das ist nur irgendein Gegenstand. Das braucht man nicht.“ Diese Worte begleiten mich seither im Hinterkopf als etwas, dessen Sinn ich anerkenne, auch wenn ich sie selbst nicht wirklich durchsetzen kann. Und warum nicht? Wegen dem Heiler.
Ein kleines Beispiel dafür war meine dramatische Verabschiedung von einem Bettlaken. Es war eigentlich noch gar nicht schlecht. Genau das war der Grund, warum es mir so leidtat: Es war noch völlig brauchbar und konnte nichts dafür, dass mir sein Muster nicht mehr gefiel. Die Vermenschlichung von Gegenständen, wird gewiss durch die Zaubersprüche des hartnäckigen Heilers hervorgerufen, der verzweifelt versucht, noch alles zu retten. „Wehe, du wirfst es weg!“ – schreit er und wackelt mit dem Stab. Durch seine geschickte Magienutzung löst er im Hirn die für Empathie zuständigen Stellen aus und zwingt sie, diese Empathie auf die Dinge zu übertragen. Und während ich das hier schreibe, stelle ich mir immer noch vor, wie es für das Bettlaken gewesen sein muss, in einer dreckigen, ekligen Restmülltonne allein zu liegen (denn Bettlaken werden sonst nirgendwo angenommen) und allein unterzugehen, weil der Mensch, dem es so lange getreu gedient hat, es auf einmal loswerden wollte.
Und so ergeht es mir mit allen möglichen Dingen, vor allem natürlich mit den berüchtigten Notizbüchern. Ich benutze sie nicht, sie liegen einfach herum. Ich schreibe nicht darin. Um Gottes willen, ich kann überhaupt nicht so viel mit der Hand schreiben. Und wenn ich es einmal in der Hand halte, die Seiten durchblättere und überlege, wo ich es nun wieder deplatziere, denke ich mir: Naja, potenziell könnte man hier ja noch etwas hineinschreiben. Ein unbeschriftetes Notizbuch zu entsorgen bringe ich also nicht übers Herz, also wie wäre es dann, es einfach gar nicht erst zu kaufen?
Noch schwieriger ist es mit verschiedenem Kleinkram, der eine Art Andenken darstellt, etwas, das man vielleicht einmal von einem bestimmten Ort mitgebracht hat oder von jemandem ausgehändigt bekommen hat.
Solche Dinge liegen normalerweise jahrelang in irgendwelchen Kisten. In meinem Fall liegen sie oft auch in Schubladen. Kein Mensch interessiert sich dafür. Es ist nicht einmal ein Buch, das zumindest als Dekoration dienen kann. Es ist kein Notizbuch, in das man theoretisch noch etwas hineinschreiben könnte, und auch kein Bettlaken, das man wenigstens benutzen kann. Es sind einfach Dinge, die kein Mensch sieht und für die sich niemand interessiert.
Sie bekommen eigentlich nur in dem Moment wieder eine Bedeutung, in dem man sie aus einer solchen Kiste herauskramt und sich wieder mal in zehn Jahren entsinnt: Ach, das ist doch die Brosche meiner Urgroßmutter.
Bei mir liegt beispielsweise gerade ein merkwürdiges Paar kleiner Schuhe aus Holz. Kinder aus einer befreundeten Familie haben sie einmal für mich in den Niederlanden geschnitzt, gestaltet und bemalt. Seitdem liegen diese Schuhe immer noch in einer Schublade.
Im Laufe meines Lebens, während ich über all diese Dinge nachgedacht habe, habe ich gelernt, mich stets zu fragen: Brauchst du das? Ist das sinnvoll? Die Art und Weise, wie meine Cousine mit Dingen umgeht, ist für mich erstrebenswert. Ob ich das irgendwann erreichen werde und ob es überhaupt erreichbar ist, wenn man Arudia hat, weiß ich nicht. Aber ich versuche, es zu erreichen.
Was tue ich also konkret?
Erstens veranstalte ich, wann immer ich genug Zeit habe, Ausmistaktionen. Leider stellt sich dabei heraus, dass sich selbst nach einem halben Jahr schon wieder einiges angesammelt hat. Ein Beispiel ist Tee. Wenn ich einkaufen gehe und Tee kaufe, kaufe ich nicht einfach eine Packung, die ich dann verbrauche. Stattdessen sehe ich noch eine andere Sorte und denke: Hm, die könnte auch ganz gut schmecken. Und die da hört sich auch gut an. Im Endeffekt habe ich dann fünf Packungen Tee, die einfach im Schrank stehen.
Vor Kurzem habe ich sie alle ausgemistet und versuche momentan, nur eine Packung Tee zu haben, höchstens zwei, die ich tatsächlich verbrauche.
Ein anderes Beispiel sind Aufbewahrungsboxen. Jahrelang lagen bei mir mehrere davon herum, und jedes Mal dachte ich: „Hm, das sind doch Aufbewahrungsboxen. Die kann man doch immer gebrauchen.“ Ich habe sie nie benutzt. Gerade habe ich sie weggeschmissen und danach keinen einzigen Gedanken mehr daran verschwendet, dass sie jetzt weg sind.
Diese Ausmistaktionen erweisen sich als ein mentaler Kampf gegen Arudia und ihren Heiler. „Na, schaffst du es diesmal oder bist du immer noch eine zitternde Kreatur?“
Man muss mir zugutehalten, dass ich in dieser Hinsicht fitter geworden bin. Wenn in mir wieder einmal Empathie für ein zerlumptes Handtuch hochsteigt, unterdrücke ich das inzwischen rigoros, und damit ist das Handtuch weg.
Es gibt allerdings noch bestimmte Kategorien von Dingen, bei denen mein Wille offenbar gegen mich arbeitet. Oder was ist schon der Wille? Bin ich das nicht selbst? Spiele ich also selbst gegen mich? Was ist aber „ich“? Ist Arudia ein genuiner Teil von meinem Ich, oder muss es ausgerottet werden? Was auch immer das nun sein mag, verliere ich immer noch den Kampf, wenn es um Bücher, Andenken und bestimmte Gegenstände geht, bei denen man meint: Vielleicht braucht man das irgendwann noch. Zum Beispiel eine verrostete Schraube.
Ich habe zwar inzwischen mehrere Bücher entsorgt, alle Achtung. Es bleiben trotzdem noch viele übrig, die eigentlich wegmüssten. Wenn ich mich jetzt im Raum umschaue, steht da noch ein ganzes Regal mit verwaisten Antiquariatenbüchern: Theologie des Alten Testaments, Der ungekündigte Bund, Neue Begegnungen von Juden und christlicher Gemeinde, Jesaja 1–49 von Herrn Kilian, Die Propheten. Assyrische Zeit, Das Gesetz und die Propheten, Septuaginta-Vokabular, Religionsgeschichte Israels, die Gerichtsbotschaft Jesajas, Bibelhilfe für die Gemeinde von 1936, Aristoteles' Metaphysik, Griechisch-Deutsch. Ich schreibe längst meine Arbeit nicht mehr. Ich weiß auch, dass niemand, den ich kenne, sich dafür interessiert und sie je lesen würde. Sogar ich selbst habe diese Bücher nie richtig gelesen. Und trotzdem kann ich sie nicht wegwerfen. Jedenfalls noch nicht.
Das wohl spannendste an dieser ganzen Geschichte ist, dass Arudia und ihr Heiler ihr Werk nicht nur auf konkreten Gegenständen verüben, sondern auch in verschiedenen abstrakten Lebensbereichen. Ich liste hier ein paar Beispiele, versuche aber nicht weit zu driften, sonst kippt gleich das Ganze in ein psychologisiertes Gerede.
Das beste Beispiel, das mich mein ganzes Leben begleitet und sowohl gewisse Vorteile als auch Nachteile mit sich bringt, bezieht sich auf das Schreiben. Wenn ich einen Text schreibe, ganz gleich, um welche Art von Text es sich handelt, ob um eine wissenschaftliche Arbeit, ein Fantasybuch, eine Erzählung, einen Essay, eine Glosse, einen Kommentar, einen bloßen Gedanken oder eine WhatsApp-Nachricht: Es wird immer viel. Immer. Das Original meiner Texte ist mindestens fünfzig Prozent, meistens jedoch hundert Prozent länger als das Ergebnis. Und hier wird der zweite Prozess, also das Ausmisten, unentbehrlich, denn ohne ihn könnte man einen fertigen Text überhaupt nicht vorlegen. Im Grunde besteht das Erstellen meiner Texte aus der Produktion einer riesigen Menge an Rohmaterial, aus dem durch Ausmisten, Ausschneiden und Reduzieren erst der fertige Text entsteht. Es ist wie beim Schnitzen einer Figur aus einem Stück Holz. Die Gefühle dabei sind im Grunde dieselben wie beim Ausmisten von Gegenständen. Die erste Kritik an meinen Texten lautet immer: Redundanz. Zu viele Wiederholungen. Dasselbe in anderer Form. Zu viele gleiche Gegenstände, die anders aussehen. Wenn man mich darauf hinweist und sagt: „Hier, das ist doch dasselbe, schneide einfach eines davon weg“, denke ich zunächst: „Ja, aber es ist doch anders formuliert. Ich habe das nicht umsonst so geschrieben. Es sind zwar dieselben Gedanken, aber eben anders formuliert.“
Andere Beispiele wären die Vorbereitung einer Präsentation oder einer Prüfung. Für eine Prüfung lerne ich zweihundert Prozent, einfach zur Sicherheit. Die geforderten 15 Minuten für den Vortrag werden zu 90, wenn ich es kurzfasse.
Auch bei der Unterrichtsvorbereitung zeigt sich dasselbe. Das Material, das ich für einen einzigen Unterrichtsblock vorbereite, würde wahrscheinlich für einen ganzen Monat reichen.
Aber das ist ein Thema für sich: Wie genau funktionieren diese beiden miteinander verbundenen Prozesse? Welcher Mechanismus steckt dahinter, dass ich zunächst immer zu viel produziere und anschließend wieder reduzieren muss?
Eine Sache kann ich allerdings schon jetzt sagen: Bezogen auf die materiellen Dinge, auf die Gegenstände, die ich sammle und von denen ich mich anschließend wieder trennen muss, ist diese Eigenschaft für mich eindeutig ein Nachteil. Deshalb werde ich auch weiterhin daran arbeiten, meinen Lebensraum in dieser Hinsicht minimalistischer zu gestalten und meine Cousine dabei immer wieder als Beispiel vor Augen zu haben.
Und nun muss ich den mentalen Kampf wieder aufnehmen und mich dem Kürzen dieses Textes widmen.